18.10.10

Nick Wooster - Badass & Stilikone





Kürzlich besuchte ich die Dauerausstellung zum Thema Mode im Londoner Viktoria & Albert Museum und dabei wurde das untermauert, was man ohnehin weiß, wenn man sich etwas mit Designermode beschäftigt: Männermode hat sich seit gut einem Jahrhundert kaum verändert. Abgesehen von minimalen Details - mal wurden die Revers an Sakkos verlängert, dann mal verkürzt, mal verbreitert und dann wieder schmaler, mal verliefen sie steigend, mal fallend. In manchen Dekaden waren Dreiteiler angesagt und dann verzichtete man wiederum auf die Anzugsweste. Ein überschaubares Hin und Her also.

Dann kamen zur Mitte des letzten Jahrhunderts die Jeans als Bekleidung der Masse auf und setzten sich in den Siebzigern schließlich sogar als bürotauglich durch - und damit wurde ein gewisses Maß an männlichem Stil zu Grabe getragen.

Ab den Achtzigern begannen viele Designer verstärkt avantgardistische Männermode, u. a. mit Männerröcken und neuartigen Silhouetten, durchzusetzen und massentauglich machen zu wollen. Bislang ohne größeren Erfolg. Stattdessen wird Männermode wieder zunehmend spießig und eintönig. Casual-Styles werden überwiegend von sportiven Einflüssen geprägt und Business-Looks von Geschlechtsgenossen, die in Berufen arbeiten die immer noch eine traditionelle Uniform erfordern, sind meist unglaublich uninspiriert.


Ein Glück, dass es aber auch lobenswerte Ausnahme gibt, deren mediale Präsenz (zumindest auf einschlägigen Modeseiten und -blogs) andere Männer zu mehr Einfallsreichtum inspirieren könnte. Allen voran Nick Wooster - der aktuelle Men's Fashion Director der Neiman Marcus Group, zu der neben Neiman Marcus auch Bergdorf Goodman gehört. Davor machte Wooster arbeitsbedingt Station bei Labels wie John Bartlett, Ralph Lauren und Calvin Klein - sicher auch stilbildende Erfahrungen.
Wooster ist ein Verfächter des klassischen Dandy-Looks, den er allerdings auf eine sehr tragbare, männliche und zeitgemäße Weise für sich interpretiert.

Das graue Haupthaar, mit kurzrasierten Schläfen und der fein säuberlich gestutzte Voll- und Oberlippenbart rahmen ein Gesicht ein, das oft hinter klassischen, coolen Sonnenbrillen versteckt wird. Zusammen mit seinen bunt tätowierten Armen (die natürlich nur bei Sakko-losen Kurzarmhemden zum Vorschein kommen), die genauso muskelbepackt sind, wie der restliche Körper, bilden sie die Grundlage eines maskulinen Erscheinungsbildes, das meist bis ins Details durchdacht und durchgestylt ist und trotzdem nie überladen wirkt.

Dreiteiler, Krawattennadeln, Fliegen (auch mal auf das Anzugsmuster abgestimmt) und gemusterte Materialien sind Zutaten eines Looks, der das tragbar ins Alltagsleben, eines einflussreichen Modeprofis, übersetzt, was Dandy-Kollege (aber leider fiktive Figur) Chuck Bass (gespielt von Gossip Girl-Schauspieler Ed Westwick) in teils überladener, over-the-top Manier in der TV-Serie zelebriert.




Würden doch nur mehr Angehörige meines Geschlechts sich, zumindest ein wenig, an diesen fabelhaften Vorbildern orientieren. Das fände ich in Jeans-dominierten Einheitslook-Zeiten mehr als erstrebenswert. Stilvolles Auftreten erfordert dazu noch nicht einmal ein überdimensionales Bankkonto, sondern in erster Linie eine Portion Mut. Stilvoll bedeutet nicht gleich schwul - wenn man sich davon erstmal selbst überzeugt hat, gelingt das vielleicht auch bei anderen...

1 Kommentar:

  1. Nun werter Hugo,
    man kann aber nicht verhehlen, dass Monsieur Wooster allerdings nach klassischen Mustern unverschämt gut aussieht, so dass die diversen Stilbrüche bei ihm nicht albern, sondern "cool" aussehen. Weiterhin führt sein sehr männliches Äußeres (hier meine als erstes das markante Gesicht, dann erst Bart, ausrasierte Schläfen, Muskeln und Tätowierungen) dazu, dass einem schwul nicht wirklich in den Sinn kommt. Am meistem zolle ich seiner Fähigkeit Respekt mit dem Stil immer wieder zu brechen, man weiß genau er könnte, allein er will nicht. In diesem Sinne - ein Typ zum neidisch werden - ein toller Blog von Dir. Liebe Grüße Stefan

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